Kintsugi - Ästhetik des Makels

Kennen Sie die japanische Reparaturtechnik Kintsugi? Wir sind erst kürzlich darauf aufmerksam geworden und haben bemerkt, welch wundervolle Philosophie des Erhaltens und Bewahrens sich dahinter verbirgt. 

Wörtlich genommen meint Kintsugi in etwa "Goldverbindung" - im Sinne von „Reparieren mit Gold“. Zerbrochene Keramik- oder Porzellanstücke werden mit dem speziellen Urushi Lack wieder zusammengefügt und fehlerhafte Stellen wie Lücken oder Risse werden kunstvoll mit Kittmasse veredelt, die zuvor mit Gold oder einem anderen Edelmetall, wie Silber oder Platin, angereichert wurde.

Dahinter steckt ein ganzes Kunsthandwerk und eine wunderbare Anschauung, die die Dauerhaftigkeit von Dingen und die Wertschätzung von Lebenszeichen ins Zentrum der Betrachtung stellt. Kintsugi betont und veredelt den Makel des Zerbrochenen in Form einer Goldverbindung. So wird dem ehemals kaputten Objekt ein neuer und ganz eigener Wert verliehen.

Hierzulande geht es beim Reparieren von Dingen meistens darum, den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Dabei wird oft versucht, Dinge beim Reparieren wieder so gestalten, dass man die Risse möglichst nicht mehr sieht - weil sie als Makel wahrgenommen und damit negativ behaftet sind. Genau da liegt der feine Unterschied: Kintsugi schafft eine ganz neue Ästhetik und schafft eine Schönheit, die zuvor noch gar nicht vorhanden war.

Uns spricht diese Denkweise sehr an. Natürlich sehen wir hier auch die Parallelen zu unserem Naturleder: Wachstumsmerkmale und Lebensspuren sind ebenfalls Makel, die dieses Leder für wahre Kenner jedoch erst recht wertvoll werden lassen. Schließlich zeugen diese Spuren vom Leben unter freiem Himmel. Und erst die Patina, die sich im Laufe der Zeit auf der Oberfläche des Leders entwickelt, erzählt dessen individuelle Lebensgeschichte.

Lesetipp: Wenn Sie schöne Fotos aus einer Kintsugi-Werktsatt sehen möchten und mehr Hintergründe zu dieser Tradition lesen möchten, dann finden Sie auf Houzz einen tollen Beitrag von Aki Watanabe.

Videotipp: In folgendem Video der University of Oxford gibt es Einblicke vom Pitt Rivers Museum. Sehr sehenswert!